Eine Neustrelitzerin als englische Königin

Sophie Charlotte, 1744-1818

Konigin Charlotte, nach einem von Edridge.

Königin Charlotte, nach einem Gemälde von Edridge. Titelbild in Bd. 2: Charlotte Papendiek, Court and Private Life in the Time of Queen Charlotte. London, 1887.



Vor über zweihundert Jahren spielte auf der Bühne der europäischen Weltgeschichte eine junge Prinzessin aus Mecklenburg-Strelitz, Sophie Charlotte genannt, eine prominente aber zurückhaltende Rolle. Als Königin von Großbritannien und Gemahlin Georgs III. wurde sie Augenzeugin einer turbulenten Zeit. In der Regierungszeit Georgs III. (1760-1820) entwickelte sich Großbritannien zum Weltreich durch die Kolonisierung Australiens, Neuseelands und Indiens. Dieses Weltreich erlebte aber auch den Verlust der amerikanischen Kolonien (1776) und die Erschütterung durch die französische Revolution (1789). Die napoleonische Bedrohung beantwortete England mit den Siegen bei Trafalgar (1805) und Waterloo (1815).

Wie aufschlußreich wäre es für die Nachwelt gewesen, wenn Königin Charlotte die Ereignisse ihrer Zeit und ihre Umgebung in der freimütigen Art der Liselotte von der Pfalz oder im eleganten Stil der Madame de Sévigné hätte beschreiben können. Ihre französisch geschriebenen Briefe an ihren Bruder Karl II. (1741-1816), der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz und ihr engster Vertrauter war, warten noch auf ihre Auswertung. Dennoch gibt es interessante zeitgenössische Berichte über das Leben am englischen Hof, aus denen sich mosaikartig ein sympathisches persönliches Porträt der britischen Königin aus Mecklenburg-Strelitz ablesen läßt.

Prinzessin Sophie Charlotte wurde am 19. Mai 1744 als achtes Kind des Prinzen von Mirow, Karl Ludwig Friedrich und seiner Frau Elisabeth Albertina von Sachsen-Hildburghausen, geboren. Ihr Geburtshaus stand dort, wo sich heute das Sophie Charlotte- Gymnasium der Stadt Mirow befindet. Als sie acht Jahre alt war, starb 1752 ihr Vater. Adolf Friedrich III., regierender Herzog von Mecklenburg-Strelitz, der 1733 den Gründungsaufruf für die neue Stadt Neustrelitz erließ, starb im selben Jahr. Sein Nachfolger wurde Sophie Charlottes älterer Bruder, Adolf Friedrich IV., der als "Dörchläuchting" von Fritz Reuters Gnaden als unsterbliche Figur in die niederdeutsche Literatur eingegangen ist. Im August 1761 unterzeichneten er und Sophie Charlottes Mutter, die schon auf dem Sterbebett lag, den Heiratsvertrag des britischen Königs, Georg III. aus dem Hause Hannover, der sich mit 22 Jahren die 17jährige Strelitzerin zur Braut erkoren hatte.

Dieser Heiratsvertrag in lateinischer Sprache verlangte folgendes: Die junge Prinzessin sollte alsbald nach England abreisen, der englischen Kirche beitreten und im englischen Ritus getraut werden und sich niemals in die Politik einmischen. Alle drei Bedingungen wurden zur Zufriedenheit Georgs III. erfüllt. Sophie Charlotte verließ ihre mecklenburgische Heimat acht Tage nach dem Tod der Mutter, für immer, wie sich zeigen sollte. Im Triumphzug fuhr sie drei Tage lang nach Stade im Hannoverschen und schiffte sich am 28. August 1761 in Cuxhaven auf dem prunkvoll ausgestatteten Segelschiff "Royal Charlotte" ein. Während der 10-tägigen stürmischen Überfahrt, die ihre fünf Hofdamen wegen Seekrankheit dienstunfähig machte, tröstete sich die junge königliche Braut mit Gesang und Cembalospiel. Sie übte die britannien Nationalhymne "God save the King" und studierte fleißig einige englische Sätze ein, denn am Neustrelitzer Hof war Englisch kein Schulfach.

Mademoiselle Seltzer und Madame de Grabow, eine gebürtige Güstrowerin, die unter dem Beinamen "Die deutsche Sappho" bekannt war, hatten die Prinzessinnen in der deutschen, französischen und italienischen Sprache und Literatur unterrichtet wie auch in Geographie, wobei das Anfertigen von Landkarten für Sophie Charlotte von besonderem Interesse war. Auch die feinen Künste wie Tanzen, Zeichnen, Gesang und das Spielen von Musikinstrumenten und feine Handarbeit wurden nicht vernachlässigt.

Der lutherische Theologe Gentzmer unterwies die herzoglichen Kinder in Religion, Naturphilosophie, Mineralogie und Botanik. Seine Bemühungen fielen auf fruchtbaren Boden. Seine berühmte Schülerin erhielt später vom britischen Volk den Ehrentitel "Queen of Botany" dank ihres großen Interesses an der Erweiterung des königlichen botanischen Gartens in Kew. Im Jahre 1773 wurde ihr zu Ehren die exotische Paradiesvogel-Pflanze vom Kap der Guten Hoffnung Strelitzia Reginae genannt.

Als Georg III. seine junge Braut am 9. September 1761 am Gartentor von St James's Palace in Empfang nahm, soll er von ihrem Mangel an Schönheit enttäuscht gewesen sein. Es stellte sich aber heraus, daß die fromm und bescheiden erzogene Strelitzerin bald sein Herz eroberte und sich willig seinem Einfluß auf sie fügte.

Sie hatte es nicht leicht am englischen Hof mit einer dominierenden deutschen Schwiegermutter und der mecklenburgischen Hofdame, Juliane Schwellenberg, die eine zusätzliche Beschützerrolle ausübte und bald beim englischen Volk zur Spottfigur wurde.

In den ersten 21 Jahren ihrer Ehe gebar Königin Charlotte 15 Kinder, 9 Söhne und 6 Töchter. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Fürstenhäusern führte das königliche Paar eine harmonische Ehe. Allerdings hatte der englische Hof während ihrer Lebenszeit den Ruf, der langweiligste Europas zu sein wegen des sprichwörtlich sparsamen, hausbackenen und frommen Lebensstils. Ihre Wohltätigkeiten aber waren Legende. Krankenhäuser wie das berühmte, von Charlotte gegründete Queen's Lying-in Hospital in London, Waisenhäuser, "heruntergekommene" Musiker und unzählige arme Familien konnten sich auf ihre großzügige Patronage berufen.

Der achtjährige Mozart widmete Königin Charlotte auf ihr Verlangen sein Opus 3. Als ihr Hofmusiker und Lehrer Johann Christian Bach, auch der Londoner Bach genannt, an Schwindsucht starb, bezahlte sie sein Begräbnis und richtete seiner Witwe eine Pension aus.

1788 fiel ein großer Schatten auf die königliche Familie durch die beginnende geistige Umnachtung Georgs III., die durch die königliche Erbkrankheit Porphyria hervorgerufen wurde und bis zu seinem Tode 1820, fast dreißig Jahre später, heftigste Formen annahm.

Eine weitere gravierende Belastung war das von Georg III. 1772 im Parlament durchgesetzte Königliche Heiratsgesetz (Royal Marriage Act), welches vorsah, daß keiner seiner Abkömmlinge vor dem 25. Lebensjahr heiraten durfte ohne die Einwilligung des Königs, und auch dann nur Prinzen und Prinzessinnen protestantischen Glaubens. Daher suchten die meisten seiner Kinder in Geheimehen und verbotenen Liebesaffären einen Ausweg oder blieben unverheiratet. Königin Charlottes Hof wurde in späteren Jahren auch als "Nonnenkloster" bezeichnet.

1790 erwarb die Königin Frogmore House, ein Palais, das eine halbe Meile südwestlich von Schloß Windsor gelegen ist. Diesen Alterssitz nannte sie ihr "kleines Paradies", wo sie mit ihren Töchtern botanischen Studien nachgehen und Ruhe finden konnte von der ständigen Belastung, die von der Krankheit des Königs ausging.

Ihr ältester Sohn Georg, Prinz von Wales, wurde endlich 1812 mit fünfzig Jahren Regent und bestieg 1820 als Georg IV. den Thron von Großbritannien und Irland, und Hannover. Die Regentschaft über die Person des kranken Königs blieb bis zu ihrem Tode am 17. November 1818 in Kew Palace in den Händen der ihm zeitlebens treu ergebenen Königin Charlotte, über deren Leben ihr Motto stehen könnte:


"Klugheit verlangt Schweigen
& dieses kleine Wort Schweigen
war so oft mein Beistand,
daß ich es zu meinem ständigen Begleiter gemacht habe."
-- Königin Sophie Charlotte


Weiterer Verlauf der Ausstellung.


Zurück zur Home Page.

Maintained by: jcooper@virginia.edu
Last Modified: Monday, 10-Nov-2003
© Jean L. Cooper and Angelika S. Powell