SPIEGEL ONLINE – 21. Dezember 2001
Erfolgspaar

Tango mit Fred und Rita

Es gibt sie noch, die erfolgreiche Ehe: Ein Deutscher kommt 1976 in den Mittleren Westen. Er heiratet die erste Frau, die er dort trifft. Sie ist mittlerweile die populärste Lyrikerin der USA. Er geht mit ihr zum Weihnachtsessen des Präsidenten. Lesen Sie die neueste Ausgabe von Henryk M. Broders Tagebuch.


Bis Mitte der sechziger Jahre waren Ehen zwischen Weißen und Schwarzen in Virginia illegal. Heute sind schwarz-weiße Paare keine Sensation mehr, aber Rita und Fred fallen noch immer auf. Nicht weil Rita schwarz ist, sondern weil Fred schulterlange blonde Haare hat. "Ichbin der Letzte, der die Haare noch lang trägt", sagt Fred, "alle meine Freunde sind entweder kahl oder sehen aus wie Bruce Willis in seinen letzten Filmen".

Fred Viebahn, 1947 in Gummersbach bei Köln geboren, war schon in jungen Jahren anders als die anderen. Er war 22, als in einem renommierten Verlag für avantgardistische Literatur sein erster Roman ("Die schwarzen Tauben") erschien, mit Anfang 30 hatte er vier Romane geschrieben und veröffentlicht. Er galt als ein junger Wilder mit einem großen Potenzial.

1976 wurde Viebahn von der Fulbright Commission als "Writer in Residence" für ein Semester an die University of Iowa in Iowa City eingeladen. Am ersten Tag auf dem Campus wurde er einer Studentin der Literatur vorgestellt, die gerade ein Jahr in Tübingen studiert hatte und fließend Deutsch sprach. "Sie sollte einen Vortrag von mir ins Amerikanische übersetzen, es ging um junge deutsche Literatur mit mir als Zentrum", erinnert sich Fred. Das ist jetzt genau 25 Jahre und vier Monate her, und seitdem sind Fred Viebahn und Rita Dove ein Paar, verheiratet seit 1979.

Wenn es so etwas wie einen Preis für eine funktionierende multikulturelle und alternative Ehe gäbe, die beiden hätten ihn schon bekommen. Fred hat sich in den vergangenen 20 Jahren vor allem um den Haushalt und die Erziehung der Tochter Aviva gekümmert, Rita hat geschrieben und wurde berühmt. 1987 bekam sie den Pulitzerpreis für Lyrik, von 1993 bis 1995 war sie "Poet Laureate" in Washington, es ist die höchste Ehre, die einem Dichter in den USA zuteil werden kann. Der Titel wird vom Chefbibliothekar der "Library of Congress" verliehen und öffnet dem Träger alle Türen.

Heute ist Rita Dove die bekannteste Lyrikern im Land und ordentliche Professorin für Englisch an der University of Virginia in Charlottesville, wo sie kreatives Schreiben lehrt. Ihr eigenes Werk umfasst sieben Lyrikbände, einen Roman, ein Theaterstück und einen Band mit Essays über Literatur. Sie schreibt jeden Sonntag in der "Washington Post" über zeitgenössische Lyrik, es ist die einzige Kolumne dieser Art in ganz USA; ab und zu gibt Rita Dove Lesungen, für die sie besser bezahlt wird als ein Model als Tagesgage bekommt. Sie ist ein Star.

"Man muss sich rar machen", sagt Fred, der die Verträge für seine Frau verhandelt und die Preisgelder sicher anlegt, zuletzt den "Heinz-Award For The Arts", mit 250.000 Dollar den höchstdotierten Kulturpreis in den USA. Mehr als die vielen Preise und die Ehrendoktortitel, die Rita Dove bekommen hat und die als Urkunden eine ganze Wand im Haus füllen, zählt aber, dass Fred und Rita acht Mal bei den Clintons im Weißen Haus eingeladen waren, zuletzt zum Weihnachtsdinner im Dezember 2000. Denn natürlich sind die beiden überzeugte Demokraten, und natürlich können sie George W. Bush nicht leiden. Trotzdem finden sie, dass Bush "vollkommen richtig" entschied, als er Afghanistan bombardieren ließ. "Jede andere Präsident hätte genauso gehandelt", sogar der nette Al Gore.

"Komm uns doch mal in Charlottesville besuchen", sagt Fred am Telefon, "wir leben im Auge des Orkans". In Charlottesville arbeitet eines der zwei "Ground Intelligence Center" der US-Army, hier laufen die Informationen über die Aktionen in Afghanistan zusammen, hier wird über die Einsätze entschieden. Man merkt es der Stadt, etwa 120 Meilen südwestlich von Washington nicht an, dass in ihr Geschichte geschrieben wird. Alles geht seinen gewohnten Gang.

James Perkins hat, wie jedes Jahr, sein Anwesen am Rande der Stadt in einen beleuchteten Weihnachtspark mit Hunderten von Figuren verwandelt, und freut sich über die vielen Besucher, die jeden Abend mit ihren Autos auf sein Gelände rollen. "Das musst du gesehen haben", meint Fred. Es ist wirklich ein gigantisches Werk, eine Installation wie aus einem Märchen der Gebrüder Grimm im Cinemascope-Format, unbeschreiblich kitschig und doch sehr schön.

Am späten Abend haben Fred und Rita noch etwas vor. Sie fahren ins Terry Dean's Dance Studio, wo sie "Gesellschaftstanz" lernen. Fünf Mal in der Woche üben sie Tango, Walzer, Rumba und Foxtrott. "Es ist gesund und es macht Spaß." In zwei Tagen werden Rita und Fred in einem Altersheim eine Vorstellung geben. "Das machen wir jedes Jahr zu Weihnachten." Rita wird ein goldenes Tüllkleid, vorne kurz und hinten lang, anziehen, Fred eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd - "das macht schlank". Und die alten Leute werden sagen: "Was für ein Paar!" - Recht haben sie.