J. Ziehen, [review of Helm] Deutsche Litteraturzeitung 20 (1899), 902-4.

Fabii Planciadis Fulgentii V.C. Opera. Accedunt Fabii Claudii Gordiani Fulgentii V.C. De aetatibus mundi et hominis et S. Fulgentii Episcopi super Thebaiden. Recensuit Rudolfus Helm. Leipzig, B.G. Teubner, 1898. XVI u. 216 S. 8o. M.4

Das vorliegende Buch zusammen mit den es begleitenden Aufsätzen Helms im Rheinischen Museum und im Philologus bildet eine sehr werthvolle Bereicherung unserer philologischen Litteratur, zunächst in litterarhistorischer Hinsicht: in schärfer umrissenen Zügen, als es bisher der Fall war, erscheint vor uns das Bild eines jener spätafrikanischen Litteraten, die, von weltlichem Leben und profaner Schriftstellerei ausgehend, in geistlichem Amte und mit kirchlich-religiösen Schriften enden; in leidlich greifbarer Gestalt lässt sich der Bischof von Ruspe dank H.s Forschung nun der Gesammtauffassung der afrikanischen Kulturverhältnisse um 500 einfügen, die durch die archäologische und philologische Forschung der letzten Jahre so sehr viel klarer geworden sind; der geistig noch recht unreife, im Gebrauch der lateinischen Sprache noch sehr ungewandte Verfasser der Mythologie, der Vergil-allegorie und der Weltgeschichte ist als dichtender Wunderknabe ein Gegenstück zu dem Qu. Sulpicius Maximus, dessen Grabstein auf dem Kapitol steht, dann hat er aus Kollegienheften, aus den Werken von Dichtern wie Dracontius und Publicisten wie Orosius die nöthige sachliche und sprachliche Weisheit geschöpft, um—nicht ohne zalllose Missverständnisse—durch eine rasche Folge von Schriften Ansehen und wohl auch Geld zu gewinnen. Mit Fug und Recht mag der spätere Bischof und Kirchenschriftsteller diese Jugendsünden verläugnet haben, und die Nachwelt had ihm lange den Gefallen gethan, seine Person von der des jugendlichen Mythographen und—'Schwindlers' würde man vor 20 Jahren gesagt haben, H. setzt richtiger ein 'Leichtsinns' dafür ein—zu trennen.

Fulgentius in seiner ersten Erscheinungsform bildet den Inhalt des vorliegenden Bändchens, und mit dem behaglichen Gefühl der gewonnenen Sicherheit, das den Uebergang des Reisenden aus der Wildniss in kartographisch feststellbare Gegenden zu begleiten pflegt, greift der Benutzer der Munkerschen Ausgabe zu diesem neuen Theile der trefflichen Teubnerschen Bibliothek; systematisch collationirte und nach treffenden Gesichtspunkten klassifizirte Handschriften bilden die Grundlage eines Textes, der in seiner sprachlichen Form, freigehalten von den puristischen Schlimmbesserungen der geringen Handschriften, gewiss, wenigstens der Hauptsache nach, der Originalfassung des Fulgentius entspricht und rücksichtslos auch die Thorheiten zum Ausdruck bringt, die dem jugendlichen Scribenten namentlich bei der Aufffassung und Wiedergabe griechischer Namen so zahlreich begegnet sind; die Textbehandlung des Fulgentius ist damit auf den Standpunkt gekommen, zu dem sich auch in den analogen Fällen der Textbehandlung für Gregor von Tours, Jordanes und Fredegar die Forschung langsam erhoben hat; im Einzelfall mag freilich bei der Frage nach dem Antheil des Schriftstellers oder des Abschreibers an der Textgestaltung die Entscheidung unsicher sein; es gilt hier, etwas abgeändert, das Wort, mit dem Valentin Rose eine etwas andersartige Sachlage für seinen Anthimus bezeichnet hat: in recensendi negotio difficillimum et nunc est fuitque olim eritque in posterum quomodo inter nativam auctoris barbariem fortuitamque scriptorum et adiectam recte dignoscatur; die nativa barbaries hat auch Fulgentius reichlich aufzuweisen, die Kopisten aber stellen in unserem Falle mehr das Streben nach dem Klassisch-Regelrechten im Sprachgebrauche dar. Jedenfalls kommt der neuen Fulgentiusausgabe auch ein hohes sprachgeschichtliches Interesse zu.

Unter dem Text giebt H., ausser der adnotatio critica, in der neben dem Hgb. selbst Plasberg u.A. mit schönen Textverbesserungen vertreten sind, ein Verzeichniss der Zitate, sowie—für das mythologische Buch—der Parallel stellen aus den vatikanischen Mythographen; ich benutze die Gelegenheit, für einen etwaigen Herausgeber dieser letzteren hier nebenbei anzumerken, dass der Budapester Codex mit den 'Fabeln' des Gabriel Concorregio, den Eugen Abel s.Z. seinem Inhalt nach bekannt gemacht hat, nichts anderes giebt als eine offenbar schon dem Mittelalter angehörende Zusammenschweissung von Stücken der vatikanischen Mythographen mit einem Kapitel aus Isidor; die ganze mythologische Weisheit, die diese spätlateinische Mythographie auskramt, auf ihre Quellen zurückzuführen, ist eine Aufgabe, zu der auch H.s Ausgabe hoffentlich neue Anregung geben wird.

In einem 20 Seiten umfassenden Index sermonis am Ende des Buches ist in dankenswerther Weise das Wesentlichste von des Fulgentius Sprachgebrauch zusammengestellt; ein vorangehender Index nominum zeigt mit Recht die Namen in der verderbten Gestalt, die ihnen offenbar Fulgentius selbst gegeben hat; in dem den Reigen eröffnenden Index auctorum hätte es sich vielleicht empfohlen, die allein auf der Autorität des Fulgentius beruhenden Schriftstellernamen durch besonderen Druck kenntlich zu machen.

Frankfurt a.M.

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