Lersch, L. "Zur Kritik des Fulgentius," Rheinisches Museum 4 (1846), 155-157.

In einer Recension meiner Ausgabe von Fulgentius de abstrusis sermonibus (Bonn 1844), die Herr Prof. Reinhold Klotz in den Jahrbüchern für Philol. und Pädagogik XLIII, 1. S. 71ff. eben veröffentlicht, die mich aber nach ruhiger Prüfung nicht von der Unhaltbarkeit meiner Ansicht, dass Fulgentius ein Betrüger sey, hat überzeugen können--finden sich einige Verbesserungsvorschläge, deren Widerlegung aus Handschriften ich hier vorläufig mittheilen möchte.

1) p. IX Quid sit vispillio. Vispilliones dicit sunt baiuli mortuorum. quamvis antidamas heracleopolites vispilliones dixerit. nudatores cadaverum. sicut in historia macedonis alexandri scripsit dicens. plusquam actos cadaverum vispilliones repperiens. crucibus fixit.

So der Cod. Bruxell. 9172. Die übrigen lesen trecentos oder trecentum cadaverum, wie der Leid. 96. Herr Klotz bemerkt die Lesarten trecentos und actos müssten durch Etwas vermittelt werden; er schlägt vor octo zu lesen, das sey nicht deutlich geschrieben gewesen, etwa cctc; ein anderer Abschreiber habe daraus das Zahl-(156)-zeichen CCC (dreihundert) gemacht, so sey trecentos entstanden. Allein abgesehen davon, dass eine so bestimmte Zahl, wie octo, schwerlich mit einem plus quam eingeführt wird--was ja eher für runde Zahlen, wie zehn, hundert, u.s.w. passt--so sollte man denken, sey aus cctc eher CCtos entstanden. Herr Klotz hat die Eigenthümlichkeit des Cod. Bruxell. 9172 nicht näher beachtet. Derselbe schreibt nämlich, ohne Zweifel nach Vorgang einer ältern Handschrift, die Zahl gewöhnlich mit den Zeichen, denen er die Endung des Wortes beifügt, also XVcim (p. IX.), XLta, Vque, XXti, VIx, Ctum, XLta (p. XI.), nachher auch ohne angefügte Endung. Die Zahl trecentos fand der Abschreiber daher in seiner Originalschrift also geschrieben CCCtos, woraus ccctos und durch Aneinanderfügung der zwei ersten Buchstaben actos geworden ist. Und in der That hat der Cod. Leid. 135. noch CCCtos. Es bleibt also bei trecentos, und Alexander der Grosse hat dreihundert Leichnräuber an's Kreuz geschlagen!

2) p. IX. Pollinctores dicti sunt quasi pollutores unctores id est cadaverum curatores. Unde et apuleius in emacora ait u.s.w.

Hr. Klotz behauptet, ich hätte die durch Handschriften fast gar nicht unterstützte Vulgata pollutorum unctores beibehalten, pollutores unctores gebe keinen Sinn, man sehe nicht, wie aus pollutorum unctores habe pollutores unctores werden können--als ob das Auge des Lesers nicht eine folgende Endung vorweg greifen könne--,es sey zu lesen polluctores. Da hätten wir ja wieder ein [hapax legomenon]! Aber abgesehen davon, so dürfte ich, der ich im Besitze der reichsten Collationen bin, doch eher wissen, was die Handschriften wirklich lesen, als Hr. Klotz. Freilich haben beide Brüsseler pollutores unctores, aber die Leydener 135, hat: pollinctorû unctores, ferner die Leydener 96. pollutorû hunctores, die Mediceer, pollutorum unctores, ebenso die Wiener, die beiden Wolfenbüttler u.s.w. Und das nennt Hr. Klotz eine durch Handschriften fast gar nicht unterstützte Vulgata.

Den Unterschied des Bischofs Fulgentius vom Grammatiker Fabius Planciades Fulgentius denke ich übrigens in der Ausgabe (157) der physica ratio super Virgilium oder der Mythologie desselben Verfassers, die ich vorbereite, noch weiter zu begründen. Einstweilen wollen wir an Cicero's Ausspruch halten: Nos, qui sequimur probabilia, nec ultra id, quam quod verisimile occurrerit, progredi possumus, et refellere sine pertinacia, et refelli sine iracundia parati sumus.

Dr. Laur. Lersch.

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