Moritz Haupt, "Über einen vermeintlichen Vers des Rabirius bei Fulgentius," Rh. Mus. 3 (1845), 307-310

Im Anhange meines Gratius habe ich Bemerkungen über das Geschlecht einer Anzahl lateinischer Substantiva herausgegeben, in denen dreimal Worte des Rabirius angeführt werden; denn die beiden Mal wo in der Handschrift rubirius und rabius steht werde ich den Namen wohl richtig erkannt haben. Episches Gepräge tragen von diesen drei Beispielen zwei, 78, 11 Portarumque fuit custos ericius, was in der Beschreibung einer Belagerung, wie der von Pelusium oder von Alexandria, gestanden haben mag, und 78, 17 Ac veluti Numidis elephas circumdatur altus, der Anfang eines Gleichnisses, mit der gewöhnlichen Formel, über die ich Obss. critt. S. 38 gesprochen habe. Verstäuntt habe ich dort Lachmanns Ansicht, dass bei Prop. 3, 15, 51 Ac veluti gleich einem Veluti stehe, durch eine metrische Inschrift zu bestätigen, die in Burmanns Anthologie Bd. 2 S. 108 und richtiger in Jahns Specimen epigraphicum S. 108 steht und gleich beginnt Ac veluti formosa rosast, cum tempore prodit.

Die dritte Stelle des Rabirius, 99, [308] 8, lautete, wenn ich richtig vermuthet habe, In tenerum est deducta serum pars intima lactis. Auch diese Worte widerstreben nicht dem Epos noch dem magni Rabirius oris. Sie scheinen ebenfalls in einem Gleichnisse gestanden zu haben, wie es, um ganz in der Nähe zu bleiben, bei Ovid, Met. 12, 434 ff., heisst:
 

       Fracta volubilitas capitis latissima, perque os
       Perque cavas nares oculosque auresque cerebrum
       Molle fluit, veluti concretum vimine querno
       Lac solet utve liquor rari sub pondere cribri
       Manat et exprimitur per densa foramina spissus.


So etwas kommt uns unverträglich mit einem ernsten Gedichte vor, wie denn etwas ähnliches im Don Quijote mit bester Wirkung komisch verwendet wird: das Altertum und das Mittelalter waren in ihren Gleichnissen sehr unbefangen.

Aber Rabirius soll ja auch Satiren geschrieben haben so dass die Annahme eines epischen Gleichnisses überflüssig wäre. Bei Fulgentius, Expos. serm. ant. S. 567 M heisst es Abstemius dicitur observans. sicut Rabirius in satira ait Abstemium meruleta fugit metenia nomen. So haben die neuesten Herausgeber nach ihren Handschriften gesetzt. Geredet ist über diese Stelle viel worden von Weichert (De L. Varii et Cassii Parmensis vita et carminibus S. 160-163). Er beginnt mit den Worten Rabirius utique scripsit etiam satiras, geräth aber am Ende nach drei Seiten auf andere Gedanken, indem er sagt Iam cum unius Fulgentii, quem futilem et nullius fidei scriptorem appellat Ruhnkenius ad Rutil. Lup. p. 104, testimonio cognoscamus, a Rabiro satiras scriptas esse, in disceptationem vocari potest, num forte vulgatum ibi nomen Rubrii praeferendum sit ac defendendum. Ich dächte, wer mit Ruhnken den Fulgentius für einen futilis et nullius fidei scriptor hält (und das ist er, ein Lügner, trotz der oberflächlichen Vertheidigung in herrn Gerlachs Vorrede), der sollte nicht fragen ob jene Worte dem Rabirius, von dessen Satiren wir sonst nichts wissen, angehören, sondern er sollte prüfen ob sich nicht völlige Erdichtung des Fulgentius verräth. In dem meruleta der Handschriften haben Frühere und schon der erste Herausgeber mit einfachem Sinne merulenta erkannt; Andere haben daran gekünstelt; am unglücklich[309]lichsten vermuthet Herr Gerlach meri laeta, denn dies ist gegen den Vers (und ein Vers ist doch unverkennbar) und macht die albernen Worte noch um ein weniges matter. Merulentus kommt freilich nur noch einmal vor, aber gerade wiederum bei Fulgentius Myth. 1 S. 607 Stav., Hoc itaque sacrificali carmine Gorgonei fontis aspergine madidas et praepetis ungulae rivo merulentas Pierides abstraxi, mag nun Fulgentius das Wort erfunden oder irgendwo aufgelesen haben, wie es ihm im Mittelalter Aldhelm abborgt. An dem überlieferten metenia (oder mecenia) hat man verschiedentlich sich versucht, zum Theil mit lächerlichen Einfällen. In neuerer Zeit hat eine Vermuthung von Giraldus und von Osann Beifall gefunden, Methymnia, was eine vetula vinosa bedeuten soll, weil der methymnaische Wein berühmt war. Auf die Widerlegung solcher Einbildungen brauche ich mich nicht einzulassen, da ich die Beziehung des Verses in folgenden ziemlich bekannten Stellen darlegen kann. Plinius H.N. 14, 13 Invenimus inter exempla, Egnatii Mecenii (Maetenii) uxorem, quod vinum bibisset e dolio, interfectam fuisse a marito eumque caedis a Romulo absolutum. Valerius Maximus 6, 3, 9 Egnatii autem Metelli—qui uxorem, quod vinum bibisset, fuste percussam interemit. Tertullianus Apol. 6 Sub Romulo vero quae vinum attigerat, impune a Mecenio trucidata est. Servius zu Aen. I, 737 femina quae sub Romulo vinum bibit occisa est a marito. Mecennius (Metenius, Metennius) absolutus: id enim nomen marito. Dass Metenia bei Fulgentius auf diese Geschichte zielt schein mir nicht zu bezweifeln. Ebenso unzweifelhaft ist es aber, dass weder Rabirius noch sonst ein Schriftsteller in irgend alter Zeit die Frau des Egnatius Mecenius oder Metennius (wie Perizonius zu Vel. V.H.8, 38 will, Egnatius Metennius) konnte Mecenia oder Metennia nennen, oder welche Form die rechte sein mag. Warum Fulgentius seinen Vers, über dessen Silbenmass zu reden sich nun nicht mehr verlohnt, gerade dem Rabirius unterschieb, weiss ich nicht: aber zu ändern ist nichts an dem Namen; zu den bisher benutzten Handschriften kommen noch andere die ihn bestätigen. Mit Satiren zeigt sich Fulgentius auch sonst noch freigebig. [310]—Dass bei Plinius für fuisse von Valerius Maximus fuste genommen verden kann, hat man bereits bemerkt.

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