Richard Förster, "Zu Apuleius und Fulgentius De Psyche et Cupidine," Hermes 14 (1879) 472-4

Fulgentius schliesst sich in seiner Erzählung de Psyche et Cupidine (mythol. III 6) dem Apuleius nicht nur im Inhalt, sondern auch vielfach in der Form an. In letzterer Hinsicht ist es am interessantesten zu sehen, wie er eine Lesart, welche zwar nicht in den neueren Ausgaben des Apuleius steht, aber nothwendig durch den Sinn verlangt wird und dem Sprachgebrauch des Schriftstellers durchaus gemäss ist, erhalten hat. Es ist dies severiter[[3]] in dem Satze Venus succensa invidia Cupi-(473)dinem petit, ut in contumacem formam severiter vindicaret, welches bei Apul. Met. IV 31 vindictam tuae parenti sed plenam tribue et in pulchritudinem contumacem reverenter vindica statt reverenter zu setzen ist. Letzterer Ausdruck, welcher nicht, wie Hildebrand meinte, "gehorsam," am wenigsten "gehorsam gegen mich, die Mutter," sondern nur "mit Ehrerbietung" bedeuten kann, ist das Gegentheil von dem Begriffe, welcher hier verlangt wird. reverenter aber einfach in sein formales Gegentheil irreverenter zu verwandeln geht deshalb nicht an, weil auf Seiten des Gottes Cupido gegenüber der Sterblichen Psyche überall nicht von reverentia die Rede sein kann. [[1]].

Was den Inhalt betrifft, so bietet die Epitome der apulejanischen Erzählung bei Fulgentius keinerlei Anstoss bis auf den Schluss tandem multis iactatam Veneris persecutionibus postea Iove petente in coniugium accepit. Cupido erhält bei Apuleius VI 22 die Psyche zur Frau nicht auf Bitten des Jupiter, sondern auf seine Bitte von Jupiter. Dieser Anstoss wird nicht dem Epitomator, welcher seine Sache im übrigen ganz ordentlich gemacht hat, sondern einem Abschreiber zur Last zu legen sein. In der Vorlage stand wahrscheinlich nicht postea Iove petente, sondern dem Ausdruck des Apuleius magno Iovi supplicat entsprechend postea a Iove petens. Die Entstehung des Fehlers ist ohne weiteres einleuchtend. Für das hohe Alter desselben aber spricht, dass auch der Mythographus Vaticanus I 231—welcher auch das severiter bestätigt—postea Iove petente bietet. Denn dieser hat höchstwahrscheinlich den Fehler nicht erst aus Fulgentius herübergenommen, sondern schon in derselben Quelle gefunden, aus welcher auch dieser schöpfte. [[2]] Die Quelle was im vorliegenden Falle eine Epitome der apulejanischen Erzählung. Dieselbe schloss mit den hier in Rede stehenden Worten. Der Mythographus gab sie ohne weiteres wieder, Fulgentius aber machte aus eigner Lectüre seines Landsmannes noch einen Zusatz, in welchem er über jenen Schluss zurückgreift (poteram quidem totius fabulae ordinem hoc libello percurrere, qualiter et ad infernum descenderit et ex Stygiis aquis urnulam delibaverit et Solis armenta vellere spoliaverit et seminum (474) germina confusa discreverit et de Proserpinae pulchritudine particulam moritura praesumpserit, sed quia saturantius Apuleius paene duorum continentia librorum tantam falsitatum congeriem enarravit etc.), und dann ergeht er sich noch in einer Deutung des Ganzen. Hätte der Mythographus den Fulgentius vor sich gehabt, würde er sich dessen Zusatz, insbesondere die Deutung, kaum ganz haben entgehen lassen.

Rostock.

NOTES

p. 472

[[3]] Es charakterisirt Hildebrand als Kritiker, dass er diese Conjectur von Brantz "temeraria" nennt. Mit recht ist severiter jüngst auch von Lütjohann (Act. soc. phil. Lips. III p. 500) verlangt worden. [back]

p. 473

[[1]] Anders V 30 wo Venus zu Cupido sagt: maiores tuos irreverenter pulsasti totiens.[back]

[[2]] Dies steht in Einklang mit dem, was Jungmann (Act. soc. phil. Lips. I 50. Rhein. Mus. 32, 565 sq) ausgeführt hat. [back]

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